Ratgeber
Überstunden und Gesundheit: Welche Folgen hat Mehrarbeit?
Wer regelmäßig sehr lange arbeitet, hat ein höheres Risiko für Schlaganfall und Herzkrankheiten. WHO und Internationale Arbeitsorganisation schätzen, dass Wochen mit 55 Stunden oder mehr das Schlaganfallrisiko um 35 Prozent erhöhen, verglichen mit 35 bis 40 Stunden. Studien finden außerdem häufiger depressive Symptome; einzelne Überstunden sind dagegen nicht als schädlich belegt.
Eine lange Woche vor einer wichtigen Abgabe ist etwas anderes als Mehrarbeit, die über Monate zum Normalfall wird. Die Folgen von Überstunden sind inzwischen gut untersucht, vor allem für sehr lange Arbeitswochen. Dieser Ratgeber fasst zusammen, was große Studien zu Herz, Kreislauf und Psyche zeigen, was das Arbeitszeitgesetz erlaubt und was du tun kannst, wenn die Stunden dauerhaft zu viel werden. Wie stark deine Arbeit dich insgesamt belastet, kannst du mit dem Arbeitsbelastungs-Test einschätzen.
Wie verbreitet Überstunden sind
Nach Erstergebnissen des Mikrozensus haben 2024 knapp 4,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart, das sind 11 Prozent aller abhängig Beschäftigten. Männer machten etwas häufiger Überstunden (13 Prozent) als Frauen (10 Prozent). Am höchsten war der Anteil bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen mit 17 Prozent und in der Energieversorgung mit 16 Prozent [1].
Bei den meisten blieb es bei überschaubaren Mengen: 45 Prozent der Betroffenen kamen auf weniger als fünf Überstunden pro Woche, 73 Prozent auf weniger als zehn. 15 Prozent arbeiteten allerdings mindestens 15 Stunden pro Woche mehr als vereinbart. 71 Prozent schrieben die Mehrarbeit einem Arbeitszeitkonto gut, 16 Prozent bekamen sie bezahlt, und 19 Prozent leisteten unbezahlte Überstunden; Mehrfachnennungen waren möglich [1].
Versteckte Mehrarbeit: Mails und Anrufe nach Feierabend
Nicht jede Mehrarbeit taucht in einer Statistik auf. In einer Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK aus dem Jahr 2019 gaben 41,2 Prozent der Beschäftigten an, in den letzten vier Wochen mindestens einmal außerhalb ihrer Arbeitszeit von ihrem Arbeitgeber angerufen oder per E-Mail kontaktiert worden zu sein. Bei einer früheren Befragung im Jahr 2011 waren es 34,1 Prozent [17].

Solche kurzen Unterbrechungen wirken klein, haben aber Folgen für die Erholung. In einer Studie der Initiative Gesundheit und Arbeit mit 125 Berufstätigen schliefen Beschäftigte, die in der Freizeit auf Abruf standen, häufiger schlecht und konnten gedanklich schlechter abschalten als Menschen mit klar getrennter Freizeit. Das galt auch, wenn sie die Erreichbarkeit freiwillig leisteten [18]. Wer abends um 22 Uhr noch Mails beantwortet und um 8 Uhr wieder anfängt, kommt außerdem nicht auf die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden [10].
Was lange Arbeitszeiten mit Herz und Kreislauf machen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) haben 2021 erstmals weltweit abgeschätzt, wie viele Todesfälle auf lange Arbeitszeiten zurückgehen. Wer 55 Stunden oder mehr pro Woche arbeitete, hatte im Vergleich zu 35 bis 40 Stunden ein um 35 Prozent höheres Risiko für einen Schlaganfall und ein um 17 Prozent höheres Risiko, an einer ischämischen Herzkrankheit zu sterben. Für das Jahr 2016 rechnen die beiden Organisationen mit 398.000 Todesfällen durch Schlaganfall und 347.000 durch Herzkrankheit, die mit langen Arbeitszeiten zusammenhängen. Seit 2000 ist diese Zahl um 29 Prozent gestiegen. Etwa 9 Prozent der Weltbevölkerung arbeiten so lange [2].
Eine große Metaanalyse in der Fachzeitschrift The Lancet kam schon 2015 zu einem ähnlichen Ergebnis. Ausgewertet wurden 25 Studien aus Europa, den USA und Australien, bei der Herzkrankheit mit 603.838 Menschen, beim Schlaganfall mit 528.908. Sie wurden im Schnitt sieben bis acht Jahre beobachtet. Bei 55 Wochenstunden oder mehr lag das Risiko für einen Schlaganfall um 33 Prozent höher als bei 35 bis 40 Stunden, für eine koronare Herzkrankheit um 13 Prozent. Beim Schlaganfall stieg das Risiko mit der Stundenzahl: Bei 41 bis 48 Stunden war die Erhöhung noch nicht statistisch gesichert, bei 49 bis 54 Stunden lag sie bei 27 Prozent [3]. Die Forschenden empfehlen, bei Menschen mit langen Arbeitszeiten stärker auf Risikofaktoren wie Blutdruck zu achten [3]. Einen Überblick über deine eigenen Herz-Kreislauf-Risiken gibt der Herz-Kreislauf-Check auf vorsorge.check-dich-selbst.de.
Psyche, Schlaf und weitere Folgen
Lange Arbeitszeiten hängen auch mit der seelischen Gesundheit zusammen. Eine Metaanalyse mit 189.729 Teilnehmenden aus 35 Ländern fand bei Menschen mit langen Arbeitszeiten, meist 55 Stunden oder mehr, ein im Schnitt um 14 Prozent höheres Risiko für neu auftretende depressive Symptome. Die Unterschiede zwischen den Regionen waren groß: In Asien lag das Risiko um 50 Prozent höher, in Europa um 11 Prozent, in Nordamerika und Australien fand sich kein Zusammenhang [4].
Eine Studie mit über 100.000 Beschäftigten aus Finnland, Schweden, Dänemark und Großbritannien hat 50 Gesundheitsfolgen auf einmal untersucht. In der finnischen Hauptgruppe war eine Arbeitswoche ab 55 Stunden unter anderem mit mehr Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mehr Infektionen, Diabetes, Verletzungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen verbunden. Mit der Sterblichkeit insgesamt fand sich kein Zusammenhang [5].
Zur Erholung nach der Arbeit liegt eine Metaanalyse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vor. Sie zeigt: Wer nach der Arbeit gut abschaltet, ist im Schnitt weniger erschöpft und schläft besser, und hohe Arbeitsanforderungen erschweren das Abschalten [6]. Alle genannten Studien beobachten Zusammenhänge. Sie können nicht ganz ausschließen, dass andere Faktoren eine Rolle spielen, etwa der Beruf oder Gesundheitsprobleme, die schon vorher bestanden.
| Folge | Vergleich | Ergebnis | Beleg |
|---|---|---|---|
| Schlaganfall | ab 55 gegenüber 35 bis 40 Wochenstunden | Risiko um 35 Prozent höher | [2] |
| Tod durch ischämische Herzkrankheit | ab 55 gegenüber 35 bis 40 Wochenstunden | Risiko um 17 Prozent höher | [2] |
| Koronare Herzkrankheit | ab 55 gegenüber 35 bis 40 Wochenstunden | Risiko um 13 Prozent höher | [3] |
| Depressive Symptome | meist ab 55 Wochenstunden gegenüber Standardarbeitszeit | Risiko im Schnitt um 14 Prozent höher, in Europa um 11 Prozent | [4] |
Für Wochen mit 41 bis 48 Stunden war in der Lancet-Metaanalyse beim Schlaganfall noch keine gesicherte Erhöhung zu sehen [3]. Die Befunde betreffen vor allem Menschen, die regelmäßig deutlich länger arbeiten als üblich.
Was das Arbeitszeitgesetz erlaubt
Das Arbeitszeitgesetz erlaubt grundsätzlich acht Stunden pro Werktag. Bis zu zehn Stunden sind möglich, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden pro Werktag nicht überschritten werden [7]. Die Höchstarbeitszeit gilt an den sechs Werktagen der Woche [8]. Nach mehr als sechs Stunden brauchst du eine Pause von mindestens 30 Minuten, nach mehr als neun Stunden von mindestens 45 Minuten; die Pausen dürfen in Abschnitte von je 15 Minuten aufgeteilt werden [9]. Zwischen zwei Arbeitstagen müssen mindestens elf Stunden Ruhe liegen [10].
Arbeitgeber müssen Arbeitszeit über acht Stunden pro Werktag aufzeichnen und diese Nachweise zwei Jahre aufbewahren [11]. Das Bundesarbeitsgericht hat 2022 außerdem entschieden, dass Arbeitgeber nach dem Arbeitsschutzgesetz ein System einführen müssen, mit dem die Arbeitszeit der Beschäftigten erfasst wird [12]. Nach Auffassung des Bundesarbeitsministeriums gehören dazu Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit; die Regeln gelten auch im Homeoffice und bei Vertrauensarbeitszeit [13].
Nicht unter das Gesetz fallen unter anderem leitende Angestellte und Chefärzte sowie Beschäftigte, die in häuslicher Gemeinschaft mit Menschen leben, die sie eigenverantwortlich erziehen, pflegen oder betreuen [14]. Ob du Überstunden leisten musst und ob sie bezahlt oder ausgeglichen werden, regeln Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung. Bei Fragen dazu helfen Betriebsrat, Gewerkschaft oder eine Fachanwältin oder ein Fachanwalt für Arbeitsrecht; dieser Ratgeber ersetzt keine Rechtsberatung.
Was du tun kannst, wenn es zu viel wird
Schreib deine tatsächlichen Arbeitszeiten eine Weile mit, auch die Mails am Abend. So siehst du, wie viel Mehrarbeit tatsächlich zusammenkommt, und hast eine Grundlage für ein Gespräch mit deiner Führungskraft. Steht Mehrarbeit auf einem Arbeitszeitkonto, plane den Ausgleich fest ein, statt Stunden über Monate anzusammeln.

Wenn Überstunden in deinem Team die Regel sind, ist das auch ein Thema für den Arbeitsschutz. Arbeitgeber müssen in ihrer Gefährdungsbeurteilung prüfen, welche Gefährdungen von der Gestaltung der Arbeitszeit und von psychischen Belastungen ausgehen [15]. Wie das abläuft und welche Rechte du dabei hast, erklärt der Ratgeber Psychische Belastung am Arbeitsplatz. Wenn du dauerhaft weniger arbeiten möchtest, beschreibt der Ratgeber Work-Life-Balance verbessern den Anspruch auf Teilzeit und Brückenteilzeit.
Wann du ärztlichen Rat suchen solltest
Erschöpfung, die auch am Wochenende nicht vergeht, anhaltende Schlafprobleme, Reizbarkeit oder Niedergeschlagenheit können Zeichen dafür sein, dass dich die Arbeit dauerhaft überlastet. Bei lang anhaltendem Stress oder Beschwerden, die nicht verschwinden, rät das Gesundheitsportal des Bundes, die Hausarztpraxis oder eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten aufzusuchen [16]. Wie sich eine länger dauernde Überlastung zeigen kann, beschreibt der Ratgeber Burnout: Anzeichen in drei Phasen.
- Behörde 4,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben 2024 Mehrarbeit geleistet, Pressemitteilung Nr. N038. Statistisches Bundesamt (Destatis). Stand 24.07.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Long working hours increasing deaths from heart disease and stroke: WHO, ILO. Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Stand 17.05.2021. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Long working hours and risk of coronary heart disease and stroke: a systematic review and meta-analysis of published and unpublished data for 603 838 individuals. The Lancet 386(10005):1739-1746. Kivimäki M, Jokela M, Nyberg ST u. a.. Stand 2015. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Long working hours and depressive symptoms: systematic review and meta-analysis of published studies and unpublished individual participant data. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health 44(3):239-250. Virtanen M, Jokela M, Madsen IE u. a.. Stand 2018. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Long working hours and risk of 50 health conditions and mortality outcomes: a multicohort study in four European countries. The Lancet Regional Health Europe 11:100212. Ervasti J, Pentti J, Nyberg ST u. a.. Stand 2021. abgerufen am 28.10.2026
- Studie A Meta-Analysis on Antecedents and Outcomes of Detachment from Work. Frontiers in Psychology 7:2072. Wendsche J, Lohmann-Haislah A (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin). Stand 2017. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Arbeitszeitgesetz, § 3 Arbeitszeit der Arbeitnehmer. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Das Arbeitszeitgesetz (Broschüre A120). Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Stand 04/2018. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Arbeitszeitgesetz, § 4 Ruhepausen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Arbeitszeitgesetz, § 5 Ruhezeit. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Arbeitszeitgesetz, § 16 Aushang und Arbeitszeitnachweise. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Einführung elektronischer Zeiterfassung: Initiativrecht des Betriebsrats, Pressemitteilung Nr. 35/22 zu 1 ABR 22/21. Bundesarbeitsgericht. Stand 13.09.2022. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Fragen und Antworten zur Arbeitszeiterfassung. Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Stand 08.08.2025. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Arbeitszeitgesetz, § 18 Nichtanwendung des Gesetzes. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Gesetz Arbeitsschutzgesetz, § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Stress. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand 14.01.2026. abgerufen am 28.10.2026
- Studie Pressemappe zum Fehlzeiten-Report 2019, Statement Helmut Schröder. Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), AOK-Bundesverband. Stand 17.09.2019. abgerufen am 28.10.2026
- Studie iga.Studie: Ständige Erreichbarkeit führt zu Defiziten bei Schlaf und Erholung (Pressemitteilung). Initiative Gesundheit und Arbeit (iga), Verband der Ersatzkassen. Stand 25.07.2016. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Herzinfarkt. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
- Behörde Schlaganfall. Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de. Stand o. J.. abgerufen am 28.10.2026
Hinweis: Ein Selbsttest gibt dir eine erste Einschätzung. Er ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Untersuchung und keine Diagnose.
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